Samstag, 10. Oktober 2009

Schallnovelle


"Wir führen eine Distanzbeziehung ohne Beziehung. Wir führen Distanz. Das ist wie Schiffeversenken ohne Stift und Papier. Nur mit dem eigenen Kopf."

Ich lese gerade Juli Zehs "Corpus Delicti", eine recht düstere Zukunftsvision, in der das höchste Gut die Gesundheit ist. Jeder Mensch unterliegt der übermächtigen METHODE und ist zum Beispiel zu täglichem Sport, gesunder Ernährung und ausreichend Schlaf verpflichtet. Jeder trägt einen Chip unter der Haut, über den er jederzeit lokalisiert werden kann und die Körperwerte auch auf regelmäßiger Basis abgefragt werden.

Liebe wird in diesem System als eine überholte, romantische Vorstellung, teilweise sogar als Bedrohung angesehen. Liebe gibt es nicht, es gibt ausschließlich den Drang, die Art zu erhalten. Partnerschaft wird nur eingegangen, um Kinder zu zeugen. Und wer da mit wem darf, wird staatlich festgelegt - jeder gehört in eine Immunologiegruppe, beinahe wie in einem Kastensystem. Und jede Gruppe harmoniert nur mit bestimmten anderen Gruppen. Dummerweise hat sich eine Figur, Rosentreter, in eine Frau verliebt, die er nicht lieben darf. Laut Immunologie. Damit begeht er ein Kapitalverbrechen. Krasse Welt, sehr klinisch.

Slut haben übrigens Juli Zehs Roman vertont und waren mit dem Ergebnis (und gemeinsam mit Juli Zeh) gerade auf Tour. Sie nennen das ganze eine Schallnovelle. Ich habe es live leider nicht gesehen und auch die zugehörige CD (noch) nicht gehört - noch hoffe ich darauf, dass der Verlag sie zur Verfügung stellt. Aber das Projekt finde ich sehr, sehr spannend. Ich bin schon immer der Meinung, dass manche Bücher genau wie Filme vertont, also mit Musik unterlegt werden sollten. Ich wundere mich, dass da noch kein Verlag drauf gekommen ist - was die da auch noch für Extrageld mit machen könnte. Naja.

In diesem Fall bin ich mir noch nicht so sicher, was ich von den paar Schnipseln, die man bei Youtube finden kann, halte. Es sind in die Songs, die Slut geschrieben hat, immer wieder Textstellen aus dem Buch, von Juli Zeh vorgetragen, eingebaut. Das hat sowas von gewollt modernem Theater, was ich häufig anstrengend finde. Einen reinen Soundtrack zum Buch, mit Songs, die das Thema einzelner Kapitel noch einmal aufgreifen, hätte ich interessanter gefunden, glaube ich.

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